Nacht- Frühstück  

Die spontane Idee zum Sonnenaufgang auf den Brocken zu wandern kommt einen Tag vorher am späten Nachmittag von meiner Nichte Celin und ihrem Mann Marvin. Wir sind begeistert von der Idee und freuen uns jetzt schon.

Wir wollten dieses Jahr sowieso nochmal zum Brocken wandern (Micha wegen der Fotos und ich wegen der Pommes:-)), aber zum Sonnenaufgang wäre natürlich nochmal ein besonderes Highlight, auch ohne Pommes.

Halb zwei ist die Nacht für uns vorbei. Irgendwie haben wir beide wohl Angst zu verschlafen und geraten gar nicht erst in die erholsame Tiefschlafphase. Gepackt haben wir bereits abends, jetzt noch eben frühstücken, halb drei nachts, na mal was anderes. Der Kaffee schmeckt auch um diese Uhrzeit, stelle ich fest und frage mich, ob man es um diese Uhrzeit überhaupt Frühstück nennen kann? Das man zu dieser Uhrzeit überhaupt denken kann, finde ich erstaunlich und ich wundere mich auch über was für einen Sch… man sich den Kopf zerbricht.

Parkplatz belegt

Das wir nicht die einzigen sind, die diesen Plan in der Ferienzeit und an einem Sonntag haben, ist uns klar, aber dass der Parkplatz bei Ankunft in Oderbrück bis auf ein paar vereinzelte Plätze um vier Uhr morgens im Dunkeln belegt ist, das haben wir nicht erwartet.

Von Celin und Marvin weit und breit nichts zu sehen, anrufen können wir sie auch nicht, weil wir uns laut Handynetz im Niemandsland befinden. Wir steigen aus und frösteln prompt. Die Uhrzeit und Höhenlage machen sich doch bemerkbar. Ich springe schnell wieder ins Auto zurück und genieße die Restwärme der Sitzheizung.

Micha streift stattdessen mit seiner Stirnlampe umher, an den anderen Autos vorbei und leuchtet die Dunkelheit aus, um zu sehen, ob die beiden doch schon irgendwo parken. Ein bisschen wie ein Sheriff sieht er dabei aus, ich muss schmunzeln.

Plötzlich zeigen sich Balken auf meinem Handy und ich nutze die Gunst der Stunde um Celin anzurufen. Sie sind gleich da, sagt sie und da kommen Sie auch schon aus der Kurve gefahren, ergattern den letzten Parkplatz neben uns.

Wir sind froh, dass der Ansturm von Mensch und Tier bereits weg ist, als wir starten. So können wir die Stille und Atmosphäre der dunklen Nacht genießen. Naja, zu mindestens, wenn man das Gegacker von Celin und mir und das Blinken der roten Hundehalsbänder ausblendet. Micha und ich sind mit Stirnlampen ausgerüstet und leuchten uns Sechsen den Weg über Stock und Stein.

Es knackt und raschelt mal hier mal da und wir sind doch etwas angespannt, was man daran merkt, dass wir bei Marvins Räuspern (als Abwehr eines Hasen, wenn es überhaupt ein Hase war) alle zusammenzucken. Nach dem ersten Schreck brechen wir in Gelächter aus, weil wir doch feststellen müssen, was für Schisser wir eigentlich sind.

Ist das menschliche Sichtfeld erstmal auf ein Minimum reduziert, eröffnet sich eine ganz andere Welt der Sinne. Geräusche werden lauter, Gerüche intensiver und Temperaturunterschiede nehmen wir auch bewusster wahr.Dazu sind wir in einer gewissen Alarmbereitschaft. Vergleichsweise wie der Höhlenmensch auf seinen Streifzügen. Vor allem wenn die Hunde Kep und Mio anzeigen, dass sie etwas entdeckt haben, was ihr Interesse wecken könnte, spannen sich unsere Körper an und lassen uns den Säbelzahntiger hinter der nächsten Ecke vermuten.

Eile mit Weile

Wir haben hier und da etwas getrödelt, so dass wir uns beeilen müssen, wenn wir es noch pünktlich zum Sonnenaufgang schaffen wollen.Wir geben Hackengas und unsere Körper transpirieren im Schritttempo. Immer wieder muss ich stehenbleiben, um meinen Zwiebellook nach und nach aufzulösen.

Mir bleibt die Puste weg und gleichzeitig steigt in mir langsam ein Gefühl des Genervt seins auf. Zeitdruck ist so gar nicht meins, aber das hier gerade ist alles andere als Entschleunigung. Ich fühle mich wie zu Zeiten der Bundesjugendspiele, eine Mischung aus Scham und Wut gepaart mit Erschöpfung macht sich breit, als mich ein Spätaufsteher nach dem anderen überholt, genau wie damals.

Geht doch alleine, denke ich, aber ich beiße mir auf die Zunge und halte meine Klappe, schließlich will ich unsere Wanderung nicht mit meiner Laune verderben. Zumal ich mittlerweile mit meinen 37 Jahren weiß, dass das nur eine Momentaufnahme ist und die Laune spätestens beim nächsten Kaffee und etwas Essbarem aufhellt.

Tierbegegnungen

Wie aus dem Nichts taucht in der Ferne eine Tiergestalt auf und schaut uns an, wir vermuten ein Fuchs. Das bestätigt sich als wir näherkommen, denn erst im letzten Moment springt er im großen Bogen ins Gebüsch. Wie bestellt um meine Anstrengung und Gedanken vergessen zu lassen und mein Herz zu erwärmen.

Es dämmert bereits und uns bleiben noch genau 15 Minuten bis Sonnenaufgang. Wir haben keine kleine Wegstrecke vor uns, also legen wir nochmal den Turbogang ein. Langsam verdichten sich die Menschen. Mein Blick ist auf den Boden konzentriert, um nicht zusammenzubrechen, da bremst Micha mich am Arm aus und lenkt meine Aufmerksamkeit auf ein Gebüsch neben uns. Ich muss zweimal schauen, um es zu realisieren. Dort steht eine Hirschkuh mit ihrem Kalb, schaut uns an und macht keine Anstalten die Flucht zu ergreifen. Die Größe und Schönheit der Tiere beeindruckt uns und wir staunen nicht schlecht.

Celin und Marvin haben unseren Stopp bemerkt und kommen trotz Zeitnot zurück, auch Sie sind fasziniert und beeindruckt von der Nähe und Größe der Tiere. Kurz Fotos schießen, Video drehen und weiter geht´s. Wir sind beseelt und erzählen uns unsere Tiererfahrungen, die wir während anderer Wanderungen gemacht haben, so dass wir fast nicht bemerken, dass wir kurz vor unserem Ziel angekommen sind.

Klärchen, wo steckst Du?

Wahnsinn – Menschen über Menschen erwarten uns in allen Ecken und Enden, aber sie verteilen sich gut über die Fläche. Alle warten gespannt auf Klärchen.

Das Sie sich uns nicht zeigen wird oder nicht so wie wir es erhoffen, erfahren wir ein paar Minuten später. Trotzdem sind wir nicht enttäuscht, sondern stolz auf uns, unseren inneren Schweinehund überwunden zu haben.

Zum Abschluss dieser Brockenbesteigung genießen wir unser mitgebrachtes Frühstück in einer Hütte geschützt mit Blick aufs Tal. Unser Resumee`: Ja auch, wenn es irgendwie Mainstream geworden ist, zum Sonnenaufgang zum Brocken zu laufen, hat man hier und dort doch das Gefühl alleine und eins mit der Natur zu sein.

Wir wurden belohnt, mit seltenen Tierbegegnungen, grandiosen Aussichten und dem Tanz der Glücksmoleküle, aber die Krönung des Ganzen ist und bleibt für uns die Freude diese Gefühle mit nahestehenden und lieben Menschen teilen zu können.

Danke Celin und Marvin für diese tolle Idee und das gemeinsam erlebte Mikroabenteuer.

Shortfacts:

  • Start: Parkplatz Oderbrück
  • Länge: Vom Parkplatz bis zum Brocken 7,8 Kilometer
  • Höhe: ca. 350 Höhenmeter gilt es von Oderbrück zu überwinden
  • Brockeninfos: 1142 Meter hoch, auf der Strecke befindet sich die ehemalige Grenze zwischen Ost und West, der Dreieckige Pfahl erinnert daran und ein Stück des Weges geht über den Grenzweg mit seinen unverwechselbaren Platten, Harzer Grenzweg, Harzer-Hexenstieg und Teufelstieg treffen sich am Brocken
  • Einkehrmöglichkeiten: Brockenwirt http://www.brockenwirt.de/, Brockenhotel https://brockenhotel.de/
  • Highlights: Unzählige Aussichten auf dem Weg, Aussichtsplattform Bodebruch, Möglichkeit Tiere zu beobachten, Möglichkeit den Sonnenaufgang- und/oder Sonnenuntergang von einer besonderen Aussicht und Höhe zu beobachten
  • Stempel:
  • 136 Eckernvorsprung,
  • 168 Dreieckiger Pfahl,
  • 9 Brockenhaus

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