Planänderung

Die letzten Tage und Wochen waren anstrengend und turbulent und wir hatten wenig Zeit zu zweit, daher beschlossen wir Sonntag einen Sofa-Tag einzulegen, um einfach mal die Seele baumeln zu lassen.

Meine Hummeln im Hintern waren da allerdings anderer Meinung. Es war halb sieben Uhr morgens und ich war fit und energiegeladen, aber zugegeben, gepaart mit schlechter Laune. Irgendetwas musste passieren, damit ich unseren Nachbarn heute nicht den Garaus mache. Sie waren nämlich fröhlich dabei uns mal wieder auf dem Kopf rumzutrampeln.

Wir waren lange nicht mehr wandern, geschweige denn sonst irgendwie bewegungsmäßig aktiv, also schlage ich vor auf Stempeljagd zu gehen. Die Begeisterung meines Mannes hält sich in Grenzen, sehe ich doch den Traum vom Chillen in seinen Augen dahin schwinden.

Er schlägt sich tapfer und sucht uns heimlich eine 15 Kilometer lange Strecke raus auf der wir 5 Stempel ergattern können, während ich mein Stempelheft suche. Ja ich weiß, ein fester Platz für mein Heft wäre zeitsparender (höre ich Micha in meinem Kopf sagen und ich weiß er hat Recht).
Ich hab es ja versucht und bin bisher kläglich gescheitert. Was solls, eine aufgeräumte Schublade später mit meinem Stempelheft in der Hand bin ich bereit fürs Packen. Micha ist bereits so gut wie fertig, ich stehe am Anfang. Nach 1,5 Stunden können wir dann endlich mal starten.

Holpriger Start

Während der Fahrt ziehen dunkle Wolken auf. Kaum spreche ich meine Befürchtung, dass es ein Gewitter und Regen geben könnte aus, fängt es auch schon an zu tröpfeln. Angekommen am Parkplatz der Odertalsperre geht es richtig los, erst leise, dann laut, krach bumm, prassel, prassel, dazu gefühlte 40 Grad im Auto + 100% Luftfeuchtigkeit.

Meine Laune erreicht den Tiefpunkt, kein Netz und Hunger (wir wollten gemütlich im Wald frühstücken). Micha bleibt trotz meiner schlechten Laune und der Umstände gelassen und versucht den Frieden zu wahren, indem er die Essensbox holt (er weiß es kann gefährlich werden, wenn ich hungrig bin).

Amazonasfeeling

Wer hatte eigentlich die blöde Idee wandern zu gehen und den Sofa-Sonntag sausen zu lassen? Kein Kommentar bitte!
50 Minuten, zwei Brötchen und drei Tassen Tee später wagen wir es schließlich. Der Regen hat aufgehört und die Luftfeuchtigkeit hat Amazonasfeeling erreicht. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah, hahaha.

Mein Energielevel gleicht trotz Essen oder gerade deswegen dem eines Faultieres. Die erste Steigung lässt uns ein Bad im eigenen Schweiß nehmen. Umkehren ist trotzdem keine Option für uns.

Ein paar Augenblicke später, ein paar Sträucher bestimmend und Schmetterlinge beobachtend schleicht sich ganz sanft und leise gute Laune bei mir ein.
Das ist einer der Gründe warum ich den Wald so liebe. Egal was passiert und egal wie es mir vorher geht, hinterher fühle ich mich zu mindestens neutral. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn das geschieht.

Mit Kompass und Karte zum Hassenstein

Micha freut es und auch er sieht entspannter aus, Gefahr “schlecht gelaunte Frau” gebannt. Noch schnell ein paar Himbeeren entdeckt, gepflückt und genascht, weiter geht`s zum ersten Stempel.
Oldschool mit Karte und Kompass möchte ich mein neu erlerntes Wissen präsentieren. Ewas holprig, aber doch stolz zeige ich, was ich im ersten Block der Ausbildung zum Trekking-Guide gelernt habe.
Das alles kostet uns Zeit und wir sind schon eine ganze Weile unterwegs bis wir den ersten Stempel des Tages, am Hassenstein – Numero 158, erreichen.

Flagge zeigen

Eine grandiose Aussicht auf die Berge und Täler um uns herum erwartet uns und eine Schutzhütte, die uns vor der glühenden Hitze der brennenden Augustsonne schützt.
Wir ölen was das Zeug hält und Micha zeigt Flagge.

Kurz noch stempeln und neu navigieren, bevor wir bei Speis und Trank unsere erste Stempeleroberung feiern. Plötzlich hören wir Geräusche, ein paar Mal, so als ob jemand kommt, aber wir sehen niemanden- merkwürdig. Egal, wir packen zusammen, prüfen, ob wir alles haben und gehen weiter.

Leben und Tod

Grüne frische Fichtennadeln, so dicht wie ein gewebter Teppich, ebnen unseren Weg hinab ins Tal. Der Geruch ist wundervoll und das Gehen angenehm weich, aber wir wissen, das hat nichts Gutes zu bedeuten.
Ein Stück weiter unten können wir es nicht nur sehen, riechen und fühlen, sondern auch hören. Das Waldsterben hat ein Geräusch und nicht, dass der Motorsäge, sondern ein Geräusch, dass so sanft und weich wie ein Sommerregen klingt, aber statt Leben den Tod bringt. Ausgelöst vom Borkenkäfer, der sich nicht sichtbar unter der Rinde der Fichten zu schaffen macht.

Leben und Tod liegen im Wald so nah beieinander.
Wir bleiben einige Minuten stehen, lauschen dem Geräusch und versuchen die kleinen Kandidaten, die so großen Schaden verursachen, zu Gesicht zu bekommen. Wir sind betroffen, so deutlich nehmen wir das Sterben des Waldes zum ersten Mal mit all unseren Sinnen wahr.

Kahlschläge säumen den weiteren Weg, so dass wir auch hier nicht verdrängen können was vor sich geht.
Nur die Aussichten, die durch die Kahlschläge zum Vorschein kommen, trösten uns ein wenig über den Schmerz hinweg und legen sich wie Pflaster über unsere Wunden.

Die Zeit vergeht wie im Flug und es ist bereits nach fünf, als wir an unserer zweiten Stempelstelle, der Stephanshütte, ankommen. Auch hier werden wir ein Stückchen unterhalb der Hütte mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Die Kulisse stimmt uns seelig und nach einer Kaffeepause + kleiner Fotosession geht es auf zum 3. Stempel.

Auf dem Eselsweg

Wir befinden uns auf dem Eselsweg, der uns zum 660 Meter hohen Ravensberg führt. Von unten sieht man schon so eine Art Fernsehturm, wie man ihn aus Berlin kennt. Er ist geschlagene 64 Meter hoch und diente im kalten Krieg als Horchposten. Besteigen kann man ihn nicht, zum Zeitpunkt unserer Wanderung ist er abgesperrt.

In der Hoffnung noch ein paar Pommes in der Ravensberg Baude “Berghof”, die uns auf dem Gipfel erwartet, zu ergattern, legen wir den Turbogang ein. In Gedanken beim Essen und die Zeit im Nacken, vergesse ich leider Fotos von dieser wunderschönen Kulisse mit Rundumblick auf die umliegenden Täler und den Brocken zu machen.
Oben angekommen, sind wir froh überhaupt noch etwas zum Trinken zu bekommen, denn eigentlich schließt die Gaststätte 18.00 Uhr. Wir genießen den Rundumblick, holen uns den Baudenstempel und nach der kurzen Erfrischung geht`s weiter.

Wir haben noch einige Kilometer vor uns und mein Wunsch ist es vor der Dämmerung, die so gegen 21.00 Uhr eintritt, am Auto zu sein. Kein Problem, laut Micha, der mittlerweile mit Handy und der App “Maps me” wieder die Führung übernommen hat. Über den Ede-Baller-Weg geht es zur nächsten Stempelstelle.

Auf unseren Wegen treffen wir auf einige Hütten und Bänke, was wir in dieser Fülle gar nicht gewohnt sind. Heute bleibt uns aber keine Zeit, das in ausreichender Form zu würdigen.

Gute Aussichten

Die guten Aussichten bleiben uns erhalten und erwarten uns auch hier, an der Stempelstelle 220 mit der Schutzhütte Philippsgruß. Unser Blick fällt von dort auf die Stadt Bad Sachsa.

Trotz idyllischer Aussicht drängt sich mir eine Frage auf. Wie weit ist es noch? Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir es nicht mehr pünktlich zur Dämmerung schaffen. Kein Problem meint mein Mann. Na gut, ich lasse mich gerne beruhigen, obwohl das Gefühl nicht verschwinden will.

Auf zum Pflaumenloch

Über einen schmalen Zick Zack Weg, der wurzel-und steintechnisch nicht zu unterschätzen ist, kommen wir am Ende des Weges an einer gemähten Wiese mitten im Wald an.

Das wäre ein tolles Plätzchen für ein Picknick in der Stille. Ein Jägerstand macht uns deutlich, dass wir wohl nicht die einzigen sind, die so denken, aber uns drängt die Nähe zur Dämmerung, sodass das Picknick entfallen muss. Die Stille ist übrigens unser bisheriger Begleiter auf dem gesamten Weg, denn bis auf ein paar Fahrradfahrer treffen wir niemanden.

Wir laufen weiter bis eine weitere Hütte namens Kantorhütte vor uns auftaucht. Hier werden wir von einer Hexe begrüßt, die vor einem Felsen, der zwischen den Bäumen herausragt, aufgehängt ist. Der Felsen ist Zeuge des einstigen Vulkanismus hier, was uns eine dort aufgestellte Infotafel verrät.

Vorbei am Pflaumenloch geht`s zur letzten Stempelstelle für heute. Sinn für Humor haben die Namensgeber der Wege hier ja, das muss man ihnen lassen. Wir kommen an einer Minigolfanlage und einem Sportplatz vorbei, bevor wir an der Steinatalperre entlang laufen. Klein, aber fein ist sie und schön anzusehen.

Anschließend geht es wieder steil den Berg hinauf, ich schimpfe, hat mir Micha doch versprochen, dass die größten Steigungen hinter uns liegen.
Er hat Glück, dass ich kaum Luft bekomme und nicht noch mehr wettern kann. Atemlos und schweißgebadet kommen wir am letzten Stempel (HWN 43 Wasserscheide Weser-Elbe) diesen Tages an.

Planänderung – Klappe die Zweite

Micha wirft mir einen ernsten, leicht verzweifelten Blick zu. In mir steigt Panik auf. Ist was passiert, frage ich? Wir müssen über den Rückweg reden antwortet er und bittet mich in der Schutzhütte Platz zu nehmen.

Ist es schlimm? Er sagt nein, er möchte mir nur einen Vorschlag machen, der mir bestimmt entgegen kommt. Okay, ich mache mich gefasst. Also? Ich habe die Wahl zwischen 250 Höhenmetern Steigung oder 1,5 Kilometer Umweg. Wieviel Kilometer sind es denn ohne den Umweg noch? 5 Kilometer! 5 Kilometer? Aber wir sind doch bereits 15 Kilometer gelaufen, das war doch unser Gesamtplan für heute!

Meine Füße pochen und meine Laune sinkt in Windeseile, als mir klar wird, dass wir mit dem Umweg immer noch 6,5 Kilometer vor uns haben.
Es ist 20.30 Uhr und jetzt glasklar, dass wir in die Dunkelheit laufen. Oh man, meine flutlichtartige Stirnlampe habe ich bedauerlicherweise zuhause liegen lassen.

Wiesenbeker Teich

Jammern nützt ja leider nichts, also so schnell wie möglich weiter, hinab über Stock und Stein, vorbei an einer Wiese, in der die Grillen ein Konzert für uns spielen, unter anderen Gesichtspunkten wäre das mit aller Aufmerksamkeit zu würdigen.

Weiter auf dem Weg taucht auf der linken Seite der Wiesenbeker Teich mit einem gepflegt wirkenden Campingplatz auf. Ein schöne Kulisse. Hier lohnt es sich wiederzukommen, beschließen wir.

Die Dämmerung ist bereits eingetroffen, als wir an einem verlassenen einst prunkvoll wirkenden Kurhotel vorbeikommen. Ein Fenster steht offen und es erscheint ein dumpfes, aber lautes Brummen – irgendwie gruselig, schnell weiter.

Flunkerei und Dunkelheit

Der Weg scheint schier unendlich und meine Füße schmerzen immer mehr. Micha lässt sich nichts anmerken und scheint noch Ausdauer zu haben, vielleicht überspielt er aber auch nur sein schlechtes Gewissen. Denn wenig später kommt heraus, dass er mich angeflunkert hat und es von der letzten Stempelstelle noch über 7 Kilometer bis zum Auto waren. Der Grund: er hatte keine Lust die 250 Höhenmeter Steigung zu gehen, die ich im Übrigen auch nicht gegangen wäre, davon mal abgesehen.

Ich bin zu müde, um mein sonst so feuriges Temperament zu entfachen, stattdessen schießt mein Adrenalinspiegel auf Grund der Dunkelheit in die Höhe. Der Sehsinn schwindet und die anderen Sinne sind trotz Michas Stirnlampe (schwach, Funzelstärke, im Gegensatz zu meiner zur möglichen Erblindung führenden Stirnlampe) scharf gestellt. Alles ist intensiver, Gerüche, Geräusche, jedes Rascheln lässt mich mittlerweile zusammenzucken.

Psst, da ist was, Micha bittet mich hinzuleuchten, hinab in die dunkle, geräuschvolle Tiefe, aber ich kralle mich an seiner Hand fest und verneine. Ja, ich bin ein Schisser, ich geb´s zu.
Alle Müdigkeit ist verflogen und auch meine Füße schmerzen nicht mehr. Nun bitte rechts abbiegen und mal hin leuchten sagt mein Mann. Ich drehe den Kopf, geschmückt mit Micha´s Lampe, nach rechts und es zeigt sich uns eine Absperrung, die uns den geplanten Weg verweigert, dahinter aufgerissene Erde aus der Rohre zum Vorschein kommen.
Wollen wir es versuchen fragt Micha? Auf keinen Fall, antworte ich, auch wenn die Befürchtung besteht, dass sich unserer Strecke erneut verlängert. Womöglich verunfallen wir noch ohne Handy-Netz in mitten der Dunkelheit des Waldes und dann kommen womöglich die wilden Tiere, nicht mit mir!

Der Wunsch nach Zivilisation

Zur Abwechslung sehne ich mich nach Zivilisation, die wir zum Glück auch bald erreichen. Wir gehen durch die Straßen Bad Lauterbergs vorbei an Hotels und grillenden Menschen in Ihren Gärten, ich werde ruhiger. Es ist eine laue Sommernacht.
Alle paar Meter frage ich wie weit es noch ist. Mittlerweile sind es noch 2,3 Kilometer bis zum Auto.

Wir haben den Ortsausgang Bad Lauterbergs erreicht und mein Wunsch auf einem Fußgängerweg bis zur Staumauer gehen zu können, hat sich erfüllt, danke Universum.
Es wird wieder dunkler, die Lichtverschmutzung ist hier gen null. Das ist einerseits faszinierend, andererseits zu diesem Zeitpunkt ungewohnt und irgendwie angsteinflößend. Nur ein paar uns entgegenkommende Autos erhellen die Nacht. Es geht bergauf, aber der Schritt wird trotz Steigung schneller. Wann kommt denn endlich diese verdammte Staumauer?
Ein Schild “Radweg zu Ende” taucht am Ende der Steigung auf, jetzt sehen wir rechts die Staumauer, ich atme auf.

36.000 Tausend Schritte

Auf der Staumauer bestärken wir uns, dass es richtig war diesen Weg zu gehen, der Blick in die Tiefe und die Dunkelheit gibt uns Recht.
Aus dem Nichts tauchen plötzlich zwei Scheinwerfer hinter uns auf, die sich langsam auf uns zu bewegen. Ein Schreck fährt uns in die Glieder. Wir atmen auf, als wir bemerken, dass es zwei Fahrradfahrer sind.

Wir erreichen den Parkplatz, endlich. Wir bestaunen ein Oldschool-Feuerwehrwagen, der dort parkt, als uns ein “Hallo” aus der Dunkelheit erreicht und wir erneut zusammenzucken.
Man, jetzt reicht es aber mit Spannung, schnell ab ins Auto. Dort angekommen zeigt uns ein Blick auf Michas Schrittzähler genau 36000 Schritte und 27,7 Kilometer an, wow krass.

Zusammenfassend können wir sagen eine außergewöhnliche und abwechslungsreiche Strecke mit unzähligen atemberaubenden Aussichten und Wasserstellen gepaart mit Ruhe und Einsamkeit.
Trotz Fußschmerz und Erschöpfung lohnt es sich, auf jeden Fall oder vielleicht auch gerade deshalb!

Shortfacts dieser Strecke:

  • Talsperren: Oder- und Steinatalsperre
  • Teich: Wiesenbeker Teich
  • Turm: 64 Meter hoch, diente im Kalten Krieg als Horchposten, zum Zeitpunkt unserer Wanderung ist er abgesperrt
  • Einkehrmöglichkeiten: Gaststätte am Campingplatz Odertalsperre (auf Grund von Corona momentangeschlossen); Baude „Berghof“ auf dem Ravensberg mit Rundumblick zum Stöberhai, Wurmberg, Brocken, Kyffhäuser, Hainleite und den umliegenden Harzorten
  • Highlights: Unzählige Aussichten, Weitblicke und Wasserstellen
  • Besonderheiten: Lustige Wegenamen (Ede-Baller-Weg; Im Pflaumenloch, Eselsweg)


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